Gestützte
Kommunikation (FC) - zum Forschungsstand
Allmuth Bober unter Mitarbeit von Adrienne Biermann
1 Beschreibung der Methode
FC
Gestützte Kommunikation ist die deutsche Entsprechung des englischen Fachbegriffs
"Facilitated Communication", abgekürzt "FC". Es handelt
sich um eine Methode im Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation, d.h.
kommunikati-onsbeeinträchtigten Menschen sollen lautsprachalternative Kommunikationsmöglichkeiten
erschlossen werden. Im Fall der FC handelt es sich bei der lautsprachalternativen
Kommunikationsform fast durchgehend um Schriftsprache, so dass die Anwender
der Methode in der Fachterminologie überwiegend mit dem Terminus "Schreiber"
bezeichnet werden.
Jedem einzelnen Schreiber ist bei der FC eine Person zugeordnet, die man "Stützer"
nennt, denn diese soll die Schreiberin bzw. den Schreiber verbal, emotional
und körperlich im Prozess der Produktion der schriftlichen Mitteilung unterstützen.
Theoretisch ist die Anwendung der FC nicht auf die Schriftsprache begrenzt,
auch Bildsymbole und Objekte werden in der FC benutzt. Allerdings wissen wir
dank der umfangreichen Felduntersuchung von Bundschuh/Basler-Eggen (2000, 124),
dass die FC zumindest in Deutschland fast nur zur schriftsprachlichen Kommunikation
eingesetzt wird.
Diese schriftsprachliche Kommunikation erfolgt mit Hilfe einer Buchstabentafel,
eines Notebooks oder einer verwandten Kommunikationshilfe. Die Schreiber sollen
sich mit Hilfe dieser Kommunikationshilfe mitteilen. Die Stützer versuchen
durch körperliche Berührung den Schreibern das Zeigen auf die Buchstaben
bzw. das Tippen auf der Tastatur zu erleichtern. Anfangs besteht diese Berührung
darin, dass die Hand, das Handgelenk, manchmal auch der Unterarm umfasst wird
und ein leichter Gegendruck gegeben wird. Nach einiger Übung kann die Stütze
bei manchen Schreibern reduziert werden, es wird dann am Oberarm, an der Schulter
oder am Ärmel gestützt. Die deutschsprachige Bezeichnung "Gestützte
Kommunikation" für die FC spiegelt wieder, dass in dieser körperlichen
Stütze ein zentrales Element der Methode gesehen wird.
Ein weiteres zentrales Element der Methode ist die begleitende emotionale Unterstützung.
Beide Elemente, der Körperkontakt zu einem Kommunikationshelfer und der
verbale und nonverbale Beistand, sind allerdings nicht spezifisch für die
Methode: Auch in einigen anderen Methoden Unterstützter Kommunikation wird
mit körperlicher Berührung gearbeitet und dass man den nichtsprechenden
Menschen achtet, wertschätzt und verbal und nonverbal bei seinen Kommunikationsversuchen
ermutigt, sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Spezifisch für die Methode der FC sind hingegen folgende Punkte:
Keine bewusste direkte Steuerung der Hand: Die Hand des Schreibers darf
auf keinen Fall direkt geführt werden, vielmehr soll der Stützer durch
Gegedruck, Zeigefingerisolierung u.ä. die Ansteuerung der Kommunikationshilfe
erleichtern. Durch die Stütze sollen die SchreiberInnen "... das Mindestmaß
an willentlicher Kontrolle der eigenen Bewegungen (erreichen), das sie brauchen,
um auf einen Buchstaben zu zeigen oder ihn auf einer Tastatur antippen zu können.
Die Stützung durch einen nichtbehinderten Partner ermutigt und trägt
zur Konzentration bei, hilft - falls nötig - dabei, den Zeigefinger zu
isolieren, ruft durch Gegendruck einen Impuls hervor, bremst überstürzte
Bewegungen und verhindert das Verbleiben des Fingers auf der Tastatur nach der
Wahl eines Buchstabens" (Nagy 1998, 5). Indirektes Führen (beispielsweise
Verhindern offensichtlich falscher Wahlen) und teilweise auch verbales Führen
(beispielsweise Auffordern zum Betätigen der Korrekturtaste) sind hingegen
erlaubt (vgl. Facilitated Communication Institute 2000; Bundesverband "Hilfe
für das autistische Kind 1999, 2f.; Eichel 2001, 62; Nagy 1998, 13; Biklen
1993, 123; Donellan et al 1992, 72). Die Methode funktioniert allerdings auch,
wenn sie durch bewusste direktive Handführung angebahnt wird, die dann
später zur Stütze reduziert wird (Zöller 1997, 9).
Kompetenzannahme: Im Unterschied zur herkömmlichen Methode der Handführung
verstehen die StützerInnen sich nicht als LehrerInnen, sondern als KommunikationshelferInnen.
Die Hilfe bezieht sich gezielt auf den Prozess der Umsetzung von Gedanken der
SchreiberInnen in Tippbewegungen. Die Stütze wird lediglich als "krankengymnastische
Hilfestellung" (Bundschuh 1998, 361) verstanden, mit Hilfe derer bis dahin
unentdeckte, aber bereits vorhandene kognitive und kommunikative Fähigkeiten
zutage gefördert werden. Es wird also vorausgesetzt, dass die SchreiberInnen
kognitiv weit weniger beeinträchtigt sind als es den Anschein hat, und
dass sie nur deswegen nicht sprechen bzw. nicht auf Symbole zeigen bzw. sich
nicht nonverbal mitteilen können, weil die entsprechenden motorischen Aktivitäten
misslingen. Diese Kompetenzzuschreibung stellt ein unverzichtbares Element der
FC dar: Zum einen von der Methode her, Stütze ohne Kompetenzzuschreibung
ist keine korrekt angewandte Stütze im Sinne der FC, nicht treatmentvalide.
Zum zweiten von der Theorie her, die theoretischen Bemühungen der BefürworterInnen
zur Erklärung der Wirkungsweise der FC erfolgen unter der Annahme, dass
die FC verborgene kognitive Kompetenzen aufdecke.
Körperkontakt nur in Ausnahmefällen ausblendbar: Ein weiterer
Unterschied zur herkömmlichen Methode der Handführung besteht darin,
dass das Ziel, die stützende Hand allmählich auszublenden, zwar angestrebt
wird, aber nie oder nur in Ausnahmefällen erreicht wird. Dass es nie erreicht
wird, behaupten die KritikerInnen der Methode (Green/Shane 1994, 155; Nußbeck
2000, 24-27), dass es nur in wenigen Fällen erreicht wird, behaupten die
BefürworterInnen der Methode (Eichel 2001, 63). Bei der Bewertung der Angaben
der BefürworterInnen ist zu berücksichtigen, dass bis jetzt weltweit
kein einziger Fall erfolgreicher Ausblendung eindeutig dokumentiert werden konnte
(Calculator 1999, 409). Legt man dessen ungeachtet die von den BefürworterInnen
genannten Zahlen zugrunde, um die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Ausblendung
der Stütze abschätzen zu können, dann ergibt sich ein Anteil
"ausblendbarer" Fälle in der Schreiberpopulation von weniger
als einem Prozent. Dies ist ein krasser Unterschied zu den Erfahrungen bei der
Ausblendung manueller Hilfen bei anderen Formen Unterstützter Kommunikation.
Effektivität: Die unter unkontrollierten Bedingungen erzielbaren
Effekte der FC übersteigen bei weitem die Resultate anderer Verfahren Unterstützter
Kommunikation. Die Äußerung, die von den Stützer/Schreiber-Dyaden
produziert werden, bezeugen durch ihre schriftsprachliche Form, durch ihre Elaboriertheit
sowie durch ihren Inhalt, dass die SchreiberInnen - sollten sie wirklich die
AutorInnen der Texte sein - bisher nichtangemessene Zuschreibungen bezüglich
ihres kognitiven Entwicklungsstandes erfahren haben (vgl. die Texte Rohde 1999;
Hildebrand-Nilshon/Ciuni 1998, 34). Alle anderen Verfahren Unterstützter
Kommunikation sind nicht so erfolgreich, zumindest nicht bei so vielen Menschen
mit Autismus oder mit geistiger Behinderung. Zwar haben sich frühere Schätzungen,
dass die FC in kurzer Zeit die meisten nicht sprechenden Menschen mit Autismus
zum Schreiben auf Textniveau befähige (Biklen1993, 65), als zu hochgegriffen
herausgestellt, aber auch die inzwischen vorliegenden Zahlen sind beeindruckend.
Zum Beispiel gibt es nach Hildebrand-Nilshon/Ciuni (1998, 41) in der 7. Förderschule
Cottbus über 50 "entwickelte FC-Schreiber (dies entspricht etwas weniger
als der Hälfte der gesamten Schülerzahl)".
Zusammenfassend kann
man feststellen: Die Gestützte Kommunikation stellt sowohl hinsichtlich
der ihr zugeschriebenen besonderen Leistungsfähigkeit als Methode Unterstützter
Kommunikation als auch hinsichtlich bestimmter Spezifika der Anwendung einen
Sonderfall im Spektrum Unterstützter Kommunikation dar (vgl. auch Thümmel/Bober
2000). Die vermutete hohe Leistungsfähigkeit macht eine wissenschaftliche
Überprüfung dringend erforderlich, denn sollte sich bestätigen
lassen, dass die gestützt produzierten Mitteilungen wirklich von den SchreiberInnen
stammen, so würde dies einen revolutionären Durchbruch und Umbruch
im Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation bedeuten.
2 Welche theoretischen
Annahmen liegen der Methode zugrunde?
Die BefürworterInnen der Methode gehen davon aus, dass die SchreiberInnen
an einer expressiven Kommunikationsstörung leiden. Diese wird als neuromotorische
Beeinträchtigung konzipiert, die sich weder auf das Umweltverständnis
noch auf das Lautsprachverständnis noch auf Denkvorgänge negativ auswirke,
sondern nur auf die technische Ausführung kommunikativer Akte. Die neuromotorische
Beeinträchtigung blockiere also die Artikulation lautsprachlicher Worte,
die Ausführung von Gebärden, das gezielte Zeigen. Nach Bundschuh (1998,
361) bemerke mandiese neuromotorische Beeinträchtigung unter anderem daran,
dass "Zeigebewegungen in Richtung Buchstaben" nicht gelingen. Die
Stütze kompensiere die neuromotorische Beeinträchtigung, so dass sich
die SchreiberInnen gestützt entsprechend ihrem eigentlichen kognitiven
Entwicklungsstand ausdrücken können. Die theoretische Erklärung
der Wirkung der Stütze ist also gekoppelt an die Gültigkeit der Kompetenzannahme.
Für die hypothetische neuromotorische Störung finden sich in der FC-Literatur
verschiedene Bezeichnungen. Biklen (1992, 250) und Biklen et al. (1992) gebrauchen
den Begriff "globale Apraxie", synonym verwendet werden "Apraxie"
(Biklen 1993), "Dyspraxie" (Biklen 1996) sowie "Entwicklungsdyspraxie"
(Biklen/Duchan 1994, 181). In den neueren Publikationen findet sich neben der
Identifikation der Störung als Apraxie resp. Dyspraxie (Biklen 1997; Biklen
2000) zunehmend die Bezeichnung Handlungsstörung. Manche AutorInnen, z.B.
Bundschuh/Basler-Eggen (2000, 42), verwenden allerdings Handlungsstörung,
Bewegungsstörung und Dyspraxie synonym. Andere (z.B. Zöller 1997,
7f) unterscheiden begrifflich zwischen Handlungsstörungen und Bewegungsstörungen.
Die Handlungsstörung gilt dabei als der allgemeinere Begriff und wird als
zentral für die Erklärung der Funktionsweise der FC gesehen wird:
Nicht alle SchreiberInnen seien von Apraxie betroffen, manche seien auf andere
Weise handlungsgestört (Schirmer 2000, 128f).
Gegen die Apraxiehypothese spricht, dass eine Bewegungsstörung als gemeinsamer
Nenner der Beeinträchtigung der Personen, bei denen die FC zur Anwendung
kommt, vor dem Erklärungsnotstand der BefürworterInnen nie identifiziert
wurde und als neuropsychologische Diagnose unbekannt ist. Trotz inzwischen über
zehnjähriger Forschungstätigkeit konnten bis heute keine unabhängigen
Belege für die Existenz der globalen Apraxie vorgelegt werden (vgl. Nußbeck
2000, 73ff). Diese dürftige Befundlage wird von den BefürworterInnen
zwar durchaus zur Kenntnis genommen, jedoch eher gleichmütig. Bundschuh/Basler-Eggen
(2000, 48) streiten in diesem Zusammenhang sogar ab, für die Erklärung
der Funktionszusammenhänge bei der FC zuständig zu sein und delegieren
diese Aufgabe an die Berufsgruppen der Neurologen und Neuropsychologen.
Früher wurde versucht, die Apraxiehypothese zu untermauern, indem auf autismusspezifische
motorische und neuropsychologische Auffälligkeiten verwiesen wurde (Attwood
1993). Inzwischen wissen wir jedoch, dass nicht nur Menschen mit Autismus auf
die Methode FC ansprechen, sondern auch Menschen mit anderen Behinderungen (z.B.
mit Down-Syndrom, Rettsyndrom, Demenz, Schädelhirntrauma). Es kann also
nicht sein, dass die Wirkungen von FC von Merkmalen der autistischen Störung
abhängen, somit sind Erklärungsversuche der FC als Kompensation autismusspezifischer
Merkmale schon vom Ansatz her verfehlt.
Die Hypothese vom Zusammenhang zwischen autismusspezifischer motorischer Störung
und der Wirkweise von FC kann nur aufrecht erhalten werden, wenn man annimmt,
dass FC bei Menschen mit Autismus wegen der Überwindung der Apraxie wirke
und bei Menschen ohne Autismus aus anderen - unbekannten - Gründen eben
auch wirke. Diese Annahme erscheint uns aber gewagt, vor allem in Anbetracht
dessen, dass der derzeitige Forschungsstand es noch nicht einmal erlaubt zu
behaupten, dass die FC überhaupt wirkt (vgl. z.B. Klicpera/Innerhofer 1999,
319-323).
Überhaupt trifft die Bezeichnung "globale Apraxie" das von den
BefürworterInnen postulierte Kommunikationshindernis nicht ganz. Treffender
wäre "lokale Apraxie", weil sich die Auswirkungen der postulierten
Behinderung beim betroffenen Personenkreis eher spezifisch zeigen, beispielsweise
nur beim Tippen schriftsprachlicher Texte. So beobachtete Calculator (1999,
409), dass viele SchreiberInnen unabhängig zeigen und entsprechend kommunizieren
können, sei es mit dem Zeigefinger, mit dem Blick oder im Partnerscanning.
Allerdings nur auf Objekte, nicht auf Wortkarten oder Buchstaben.
Dies erscheint rätselhaft: Wie kann nichts als ein Wechsel der Repräsentations-form
(Schriftsprache statt Objekte) bei ansonsten gleicher Aufgabenstellung und haargenau
den gleichen motorischen Anforderungen dazu führen, dass plötzlich
eine motorische Störung einsetzt, die das gezielte Zeigen verhindert?
Auch in der Erhebung der Münchner FC-Studie (Bundschuh/Basler-Eggen 2000,
120f.) finden sich Befunde, die nicht zur Apraxie-Hypothese passen: 90% der
316 erfassten SchreiberInnen, die nur gestützt auf die richtigen Buchstaben
zeigen können, sind in der Lage, sich lautsprachlich und/oder durch Gebärden
und/oder durch ungestütztes Zeigen mitzuteilen, diese Fähigkeiten
werden auch spontan im Alltag eingesetzt (a.a.O.,125). Jüster (2000, 23)
berichtet von einem Schreiber, der anscheinend von einer lokalen Schriftsprach-
und Fremdsprachenapraxie betroffen ist: "Ein sprechender Bewohner mit autistischer
Störung sah die Videos und zeigte spontanes Interesse an der Methode. Er
konnte am gleichen Tag ,angebahnt' werden und nahm dann auch am Workshop mit
Frau Crossley teil, wo er auf ihm gestellte Fragen Antworten in deutscher und
englischer Sprache gab."
Nach Biklen (1993, 72f) und Twachtman-Cullen (1997) gibt es SchreiberInnen,
deren Apraxie sich noch lokaler auszuwirken scheint: Ungestützt konnten
zwar Texte getippt werden, allerdings entsprechend den auch in anderen Bereichen
gezeigten kognitiven und linguistischen Fähigkeiten. Gestützt produzierten
die selben SchreiberInnen dann Texte auf einem wesentlich anspruchsvollerem
Niveau, allerdings nicht unter kontrollierten Bedingungen. Umgekehrt ging es
einem Schreiber in der Untersuchung von Simon et al. (1996) und mehreren SchreiberInnen
in der Untersuchung von Montee et al. (1995), beide Male jedoch unter kontrollierten
Bedingungen: Die betreffenden Personen konnten zwar mit der FC nicht authentisch
kommunizieren, aber ohne FC (z.B. lautsprachlich, mit Gebärden, mit PECS)
konnten sie genau die "Validierungsaufgaben" bewältigen, zu denen
sie mit FC nicht in der Lage waren.
Von der Apraxiehypothese in der ursprünglichen Form zu unterscheiden ist
die Hypothese, dass die neuromotorische Beeinträchtigung der SchreiberInnen
nicht oder nicht in allen Fällen eine Bewegungsstörung im engeren
Sinn sei, sondern eine Handlungsstörung: Es gelänge den SchreiberInnen
ungestützt nicht, Handlungen korrekt durchzuführen (Zöller 1997).
Plausibel gemacht wird die Handlungsstörungshypothese durch Selbstauskünfte
von Menschen mit Autismus, durch Beobachtungen bei Menschen mit Autismus sowie
durch den Verweis auf neurophysiologische Befunde bei Menschen mit Autismus
(Schirmer 2000).
Nicht abzustreiten ist, dass es Menschen mit Autismus oft schwer fällt,
Handlungen zu planen und situativ anzupassen. Anders als bei der Apraxiehypothese
gibt es also für die Handlungsstörungshypothese empirische Evidenz
insofern, als Handlungsstörungen nicht ungewöhnlich für einen
größeren Teil der Schreiber sind. Allerdings gilt aufgrund der autismusspezifischen
Begründung auch hier die Einschränkung: Sollte die Handlungsstörungshypothese
zutreffen, dann nur für den Personenkreis der Menschen mit Autismus. Die
Wirksamkeit bei Menschen mit anderen Behinderungen bliebe immer noch ein Rätsel.
Bei näherer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass die Handlungsstörungshypothese
gewisse Schwächen hat, denn sie beinhaltet nicht nur, dass Menschen mit
Autismus oft Handlungsstörungen haben, sondern sie beinhaltet darüber
hinaus, dass diese Handlungsstörungen verantwortlich seien für das
Nichttreffenkönnen von Buchstaben bei ungestützter Kommunikation.
Und diese zweite Annahme bringt u.E. Probleme mit sich.
Oesterreich/Schirmer (2000) identifizieren explizit mit Bezug auf die Wirkmechanismen
der FC - folgende Problembereiche: Routinisierung (Integration mehrerer Teilhandlungen
in eine Gesamthandlung); Generalisierung (Transfer von gelernten Handlungen
auf veränderte Situationen), Flexibilisierung (Anpassung von Handlungen
an veränderte Umstände). Die entsprechenden Ausführungen kommen
einem seltsam vertraut vor. Über die geschilderten Schwierigkeiten von
Menschen mit Autismus bei der Generalisierung, Flexibilisierung und Routinisierung
von Handlungen wird nämlich auch in der einschlägigen Fachliteratur
(z.B. Frith 1992, Klipcera/Innerhofer 1999, Mitchell 1997, Bradshaw 2001) ausführlichst
informiert. Allerdings: Die von Oesterreich/ Schirmer (a.a.O.) als Handlungsstörung
bezeichneten Phänomene werden dort als genuin kognitive Probleme analysiert,
ausdrücklich in Abgrenzung von Wahrnehmungs- und motorischen Problemen.
Dies erklärt übrigens, warum Oesterreich/Schirmer (a.a.O.) die unzureichende
Erwähnung von Handlungsstörungen in der Fachliteratur beklagen, sie
haben schlicht in den falschen Kapiteln nachgeschlagen: Handlungsstörungen
gehören zu den kognitiven Funktionen, denn bei einer Handlungsstörung
ist nicht die Handlung an sich gestört, sondern die kognitive Organisation
der Handlung, die Integration verschiedener kognitiver Funktionen.
Wenn man sich dies verdeutlicht, wird eine weitere Schwäche der Handlungsstörungshypothese
sichtbar: Wenn nämlich das gestört ist, von dem uns Oesterreich/Schirmer
berichten, dann ist die Denkfähigkeit gestört. Und wenn die Störung
so extrem sein sollte, dass noch nicht einmal Zeigen auf Buchstaben gelingt,
dann ist die Denkfähigkeit extrem gestört. Und wenn die Denkfähigkeit
bei den SchreiberInnen extrem gestört wäre, dann fällt damit
die Kompetenzannahme.
Geradezu paradox wirkt, dass das von Oesterreich/Schirmer angedachte Szena-rio,
aus Handlungsstörungsgründen würden die SchreiberInnen nicht
auf Buch-staben zeigen können, diesen Menschen eine wesentlich ausgeprägtere
kognitive Beeinträchtigung zuschreibt als die von den FC-Vertretern kritisierte
traditionelle Autismusforschung. Dort wird nicht behauptet, dass viele Menschen
mit Autismus zu stark kognitiv beeinträchtigt seien, um sich den Akt des
Zeigens vorzustellen oder anhand der Vorstellung einen Handlungsplan zu entwikkeln
oder diesen Handlungsplan zielgerichtet durchzuführen. Man nimmt dort schlicht
an, dass ein Versagen bei schriftsprachlichen Anforderungen etwas mit Literalität
zu tun haben könnte.
Die Gültigkeit der Handlungsstörungshypothese und die Gültigkeit
der Kompetenzannahme schließen sich also gegenseitig aus. Beibehalten
werden könnte die Handlungsstörungshypothese allerdings, wenn es gelänge,
zu belegen, dass die aktuelle Autismusforschung die Handlungsstörungen
eben fälschlicherweise unter die kognitiven Defizite einordne und dass
es möglich sei, Handlungsstörungen und kognitive Defizite als zwei
ganz verschiedene Dinge zu betrachten. Das würde die Sachlage in ganz neuem
Licht erscheinen lassen. Es ist daher zu prüfen, ob eine solche Argumentationsweise
plausibel ist.
Zwei Gründe sprechen u.E. dagegen: Der erste Grund ist, dass die genannten
Handlungsstörungsphänomene in der aktuellen Autismusforschung theoretisch
relativ fundiert zu erklären sind (vgl. Frith 1992, Mitchell 1997, in Bezug
auf neurophysiologische Fundierung Spitzer 2000, 142-146).
Eine Redefinition dieser
Phänomene als nichtkognitive müsste daher nicht nur Argumente für
die Redefinition selbst enthalten, sondern darüber hinaus ein ganzes nomologisches
Netzwerk aus den Angeln heben.
Der zweite Grund ist prinzipieller Art: Der Begriff Kognition würde weitgehend
inhaltsleer, wenn die Fähigkeit zur Akkomodation (Flexibilisierung von
Handlungen), zur Assimilation (Generalisierung von Handlungen) und zur Bildung
optimaler hierarchischer Konzepte (Routinisierung von Handlungen) ausgeklammert
würden. In dem Ausmaß, wie diese Fähigkeiten beeinträchtigt
sind, ist auch die Kognition beeinträchtigt. Jemand, der unter so schwerwiegenden
Beeinträchtigungen leidet wie von Oesterreich/Schirmer beschriebenen, ist
per definitionem kognitiv beeinträchtigt. Unterscheiden, Verallgemeinern
und kohärente kognitive Strukturen ausbilden sind kognitive Funktionen,
auch wenn man sie Handlungsstörungen nennt.
Der Ersatz der Apraxiehypothese durch die Handlungsstörungshypothese führt
also letztendlich vollends vom Regen in die Traufe: Die Kompetenzannahme, eine
der Kernannahmen der FC-BefürworterInnen, wird implizit aufgegeben. Damit
hebt sich die Handlungsstörungshypothese im Grunde selbst auf, denn ihr
Ziel war eigentlich, die Kompetenzannahme theoretisch zu fundieren.
Hinzu kommt, dass der Bezug auf das zu erklärende Phänomen, nämlich
die Wirkung der körperlichen Stütze, nicht mehr auszumachen ist. Dieser
Bezug war schon bei der Apraxiehypothese eher diffus. Allerdings war er dort
nicht unplausibel, denn dass manuelle Hilfestellungen bei motorischen Problemen
etwas bewirken können, kann man sich zumindest vorstellen. Bei der Handlungsstörungshypothese
ist der Bezug vollends verschwunden. Wie soll eine körperliche Stütze
Probleme bei der Handlungsplanung kompensieren?
Probleme bei der Handlungsplanung können allerdings durch "kognitive
Krükken" kompensiert werden, beispielsweise durch externe Strukturierungen.
Auf solche Hilfestellungen z.B. im TEACCH-Programm weisen Oesterreich/ Schirmer
(a.a.O., 211) selbst hin, allerdings ohne folgenden Widerspruch anzusprechen:
Unterstützung der Handlungsausführung durch piktografische Ablaufpläne,
durch Materialstrukturierung oder durch Übergangsobjekte, all das sind
TEACCH-Interventionen. Der gemeinsamer Nenner dieser Maßnahmen ist, dass
die kognitive Anforderungsstruktur der Handlung bei gleichbleibender motorischer
Anforderungsstruktur geändert wird. TEACCH-Interventionen dürften
also gar nicht wirksam sein, wenn Handlungsstörungen nichtkognitive Störungen
wären.
Nicht nur die globale Apraxiehypothese und deren Varianten sondern auch noch
viele weitere Annahmen rund um die Gestützte Kommunikation stehen im Widerspruch
zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand der entsprechenden Fachgebiete (Nußbeck
2000; Biermann 1999). Auf diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der Gestützten
Kommunikation eine Menge Skepsis entgegengebracht wird. Nicht nur müssten
Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung ihr bisheriges Vorgehen als vom Ansatz
her verfehlt in Frage stellen, nicht nur müssten für den betroffenen
Personenkreis gesellschaftspolitisch ganz andere Hilfsangebote als bisher vorgehalten
werden, auch ein größerer Teil der als relativ gesichert geltenden
wissenschaftlichen Erkenntnisse zur geistigen Behinderung, zum Autismus und
zum Schriftspracherwerb besäße keine Gültigkeit mehr.
Eine weitere Entwicklung hat in den USA für viel Unruhe gesorgt. Nachdem
sich die Gestützte Kommunikation zu Beginn der 90er Jahre dort verbreitet
hatte, kam es bald zu einer größeren Anzahl von Missbrauchsanschuldigungen,
die von FC-SchreiberInnen mit Hilfe ihrer StützerInnen geäußert
wurden. Von den Gerichten wurde in mehreren Einzelfällen eingefordert,
die Wirksamkeit der FC wissenschaftlich zu untersuchen, um die Beweiskraft der
via FC vorgebrachten Aussagen sicherzustellen. Auf diese Weise wurde die wissenschaftliche
Untersuchung der Autorenschaft der gestützten Botschaften in Gang gesetzt.
Für die Authentizität bürgerte sich in diesem Zusammenhang der
Begriff ,validity', deutsch Validität, ein.
3 Fragestellungen kontrollierter Studien
Geht es lediglich um die Frage, wer der Autor der gestützt produzierten
Äuße-rung ist, dann lässt sich die Antwort mit experimentellen
Designs ermitteln, in denen geprüft wird, ob die Stützer/Schreiber-Dyade
nur dann etwas mitteilen kann, wenn der Stützer über genug Informationen
verfügt, so dass er die gestützt produzierte Mitteilung im Grunde
auch ohne Zwischenschaltung des Schreibers hätte produzieren können.
Als Beispiel für eine Validitätsstudie sei hier näher die Studie
von Bligh und Kuppermann (1993) geschildert. Bei der Schreiberin handelte es
sich um ein zehnjähriges Mädchen mit schwerer Sehbehinderung, einer
Entwicklungsverzögerung und autistischen Zügen. Als Stützerin
diente im Versuch die Lehrerin des Kindes, die eine FC-Schulung absolviert hatte.
Normalerweise hatte das FC-Training so stattgefunden: Die Lehrerin tippte eine
Frage ein. Die Schülerin sollte diese vom Bildschirm ablesen und mit Hilfe
ihrer Lehrerin eine Antwort eintippen.
Die Versuchsbedingungen waren vierfach variiert:
1. FC-Kommunikation, ohne dass die Stützerin auf das Keyboard sieht,
2. experimentell kontrollierte, nur für das Kind sichtbare Reizvorgabe
in Form von Fragen, auf die das Kind mit Hilfe der Stützerin zu reagieren
hatte,
3. für das Kind und für die Stützerin sichtbare Reizvorgabe in
Form von Fragen (z.B. aus dem häuslichen Bereich ), auf die nur das Kind
richtige Antworten geben konnte,
4. für das Kind und für die Stützerin sichtbare Reizvorgabe in
Form von Fragen, auf die beide Beteiligten richtige Antworten geben konnten.
Die experimentellen Designs der Validitätsstudien sind also so angelegt,
dass die Variable "Vorabwissen des Stützers über die von den
SchreiberInnen kommunizierten Inhalte" als Störvariable behandelt
und auf die eine oder andere Art kontrolliert wird. Damit können sie Aufschluss
über die Frage geben, wer der Autor der Mitteilung ist.
Bei der oben zitierten Untersuchung ergab sich z.B., dass in der Bedingung "keine
Tastatureinsicht für die Stützerin" (Unterbrechung der Übertragungsmöglichkeit
des Vorwissens) nur sinnlose Buchstabenfolgen zustande kamen. In der zweiten
Bedingung "Fragen nur für das Kind sichtbar" (Stützerin
hat kein Vorabwissen über die zu produzierenden Inhalte, verfügt jedoch
über normale linguistische Kompetenz) tippte das Kind verständliche
sprachliche Äußerungen, die nicht zu den Inhalten passten. In der
dritten Bedingung "Fragen für Stützerin und Kind sichtbar, Antworten
sind dem Stützer unbekannt." (Stützerin hat Vorabwissen über
die Art der erwarteten Antwort, z.B. ob nach Personennamen oder Zeitangaben
gefragt wird, kennt aber die korrekte Antwort nicht) tippte das Kind Antworten,
die zwar typmäßig zu den Fragen passten, aber nicht stimmten. Nur
in der vierten Bedingung "Fragen für Stützerin und Kind sichtbar,
Antworten der Stützerin bekannt" (Stützerin hat volles Vorabwissen
über die zu produzierenden Inhalte) konnte das Kind gestützt richtige
Antworten produzieren.
In vielen der Validitätsstudien wird als abhängige Variable lediglich
der FC-Output erfasst, also welche Informationen die Texte der SchreiberInnen
enthalten. Gemessen werden in diesen Fällen die gestützt produzierten
Reaktionen auf die Teststimuli. Solche Reaktionen können darin bestehen,
dass aus einer Auswahl von Bildern oder Wortkarten auf bestimmte gezeigt werden
soll, dass vorgegebene Wörtern eingetippt werden sollen oder dass Fragen
zu vorher gezeigten Bildern, Videos, durchgeführten Aktivitäten oder
vorgelesenen Texten frei beantwortet werden sollen.
Viele der uns vorliegenden insgesamt 47 Validierungsuntersuchungen erheben die
abhängige Variable nur in dieser Form. Für Aussagen über die
Autorschaft der SchreiberInnen, also darüber, wer kommuniziert, reicht
das auch aus. Über die Frage, ob die FC eine Erweiterung der Kommunikationsfähigkeiten
darstellt, kann allerdings anhand so erhobener Daten nur im negativen Fall entschieden
werden: Wenn sich, wie in der oben zitierten Untersuchung, ergibt, dass die
Schreiberin nicht Autorin der FC-Äußerung ist, dann erledigt sich
damit die Frage, ob durch die FC Kommunikationsfähigkeiten erweitert werden,
das muss dann nicht mehr geprüft werden.
Anders, und das wird bei der Bewertung des Forschungsstands manchmal übersehen,
bei Untersuchungen mit positivem Ausgang: Wenn die Frage der Autorschaft geklärt
ist, ist damit noch lange nicht geklärt, ob die SchreiberInnen nicht ungestützt
genauso gut oder noch besser hätte kommunizieren können. In diesem
Fall wären sie zwar zweifelsfrei AutorInnen ihrer Texte, also in der FC-Terminologie
"validiert", aber die FC wäre keine Erweiterung der Kommuni-kationsfähigkeiten.
Hätte z.B. das Mädchen in der oben zitierten Untersuchung in allen
vier Bedingungen korrekt geantwortet, dann wäre damit zwar gezeigt worden,
dass sie Autorin ihrer Texte ist, also z.B. mit FC vor Gericht aussagen kann.
Es wäre damit aber noch nicht gezeigt worden, dass die FC ihre Kommunikationsmöglichkeiten
erweitert, dazu hätte es einer weiteren Bedingung ohne Stütze bedurft.
Nur wenn die Leistungen in dieser Bedingung geringer sind als in der gestützten,
kann man davon sprechen, dass die FC als Methode (zur Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten)
in diesem Fall validiert ist.
Im Falle validierter SchreiberInnen braucht man also zusätzliche Informationen
über den ungestützten Leistungsstand der SchreiberInnen, wenn man
nicht nur Erkenntnisse über die SchreiberInnen, sondern auch Erkenntnisse
über die Methode gewinnen will. Ansonsten käme eine überwältigende
empirische Evidenz für die FC allein dadurch zustande, dass irgendwelche
Personen, die unabhängig schreiben können, beim Tippen zusätzlich
gestützt werden.
Von daher ist es sinnvoll, zwischen Studien zu unterscheiden, in denen die abhängige
Variable absolut erfasst wird, so dass nur Daten zu Aussagen über die Autorschaft
erhoben werden und Validitätsstudien, in denen die abhängige Variable
als Hilfsgröße erfasst wird, nämlich als Differenz zwischen
ungestütztem und gestütztem Leistungsstand. Nur Ergebnisse von Studien
der zweiten Art erlauben Aussagen bezüglich der Frage, ob die FC für
die untersuchten SchreiberInnen eine Kommunikationserweiterung darstellt, also
ob die SchreiberInnen gestützt besser als ungestützt kommunizieren.
4 Ergebnisse der kontrollierten Studien
In Blindversuchen gelingt es in der Regel nicht, die FC-Phänomene zu replizieren.
Die sog. Validierungsrate, also der Anteil der von den Untersuchern als Autoren
ihrer Mitteilungen identifizierten SchreiberInnen, liegt bei etwa 20%. Berücksichtigt
man nur korrekt durchgeführte Blindversuche, also solche, bei denen keine
gravierenden Mängel in der internen Validität nachweisbar sind, dann
reduziert sich die Validierungsrate um einige Prozentpunkte. In anderen Worten:
In mehr als 80% der untersuchten Stützer/Schreiber-Dyaden konnte keinerlei
authentische Kommunikation mit FC nachgewiesen werden.
Allerdings gilt der Umkehrschluss nicht. Es war also nicht etwa so, dass die
Ergebnisse der restlichen 20% der untersuchten Stützer/Schreiber-Dyaden
in Einklang mit den Vorhersagen der BefürworterInnen der FC standen. In
vielen Fällen ist unklar, ob die FC überhaupt zur Kommunikationsverbesserung
beitrug, da bei fast
allen validierten SchreiberInnen die abhängige Variable nur als Anteil
richtiger Antworten mit FC erhoben wurde und keine (individuellen) Baselines,
also der Anteil richtiger Antworten ohne FC, angegeben werden. Es wurde also
nur die Autorschaft der SchreiberInnen getestet. Ob die FC für diese SchreiberInnen
eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten bedeutet, bleibt daher
ungeklärt. In den Fällen, in denen entsprechende Daten erhoben wurden,
zeigte es sich dann auch des öfteren, dass die Leistungen der Probanden
ohne FC vergleichbar denen mit FC waren (z.B. Hildebrand-Nilshon/Ciuni 1998),
manchmal waren die ungestützten Leistungen sogar besser als die gestützt
produzierten Leistungen (Bebko et al 1996).
Schwerer, da auf möglicherweise alternative Funktionsweisen der FC bei
den validierten Schreibern hinweisend, wiegt jedoch folgendes: Die validierten
20% der Probanden konnten bis auf wenige Ausnahmen lediglich einfache Aufgaben
(z.B. das Niederschreiben nach visueller und auditiver Vorlage) mit FC besser
bewältigen als ohne FC. Allerdings nur manchmal, d.h. nie konstant über
alle Bedingungen, nie mit durchgehendem Erfolg und nur nach intensiver Übung.
Rimland (1994, 2) unterscheidet in diesem Sinn zwischen FC Typ I (leichte Leistungsverbesserungen
bei einfachen Aufgaben nach langwierigem Training) und FC Typ II (sinnvolle
schriftsprachliche Äußerungen auf Textniveau, oft innerhalb kürzester
Zeit anbahnbar). Er vermutet, dass es sich dabei möglicherweise um zwei
ganz verschiedene Phänomene handelt und weist darauf hin, dass es sich
bei der validierbaren FC ausschließlich um FC Typ I zu handeln scheint.
Fazit: Bis heute ist die Wirksamkeit der FC als Methode zur Erweiterung der
Kommunikationsmöglichkeiten der SchreiberInnen nicht eindeutig nachgewiesen.
Nachgewiesen ist allerdings, dass viele FC-SchreiberInnen nicht die AutorInnen
ihrer Texte sind.
An dieser Feststellung ändert auch das im deutschen Sprachraum oft zitierte
Ergebnis der Münchner Studie (Bundschuh/Basler-Eggen 2000) nichts. Dieses
Ergebnis bestand darin, dass es sechs von sieben untersuchten SchreiberInnen
gestützt gelang, überzufällig häufig auf diejenige Ecke
eines großen Blattes zu zeigen, von der eine ihnen gegenübersitzende
Person, die sog. Präsenterin, wusste, dass sie der richtigen Antwort auf
einer Fragenkarte entsprach. Zwar wurde durch eine Sichtblende sichergestellt,
dass die Stützerin nicht das Aufgabenblatt einsehen konnte, sondern lediglich
das Lösungsblatt. Allerdings sind keine entsprechenden Vorkehrungen für
die - über die Lösungen informierte - Präsenterin, die die Aufgaben
den SchreiberInnen präsentierte, beschrieben. Unter den geschilderten Untersuchungsbedingungen
ist die sparsamste Erklärung für die gegenüber einer Zufallsrate
leicht erhöhte Trefferquote der Probanden, dass unbewusst gegebene Hinweisreize
der Präsenterin das Erraten der richtigen Lösungsecke erleichtert
haben, zumal die drei beteiligten Personen aufgrund jahrelangen Trainings und
Bekanntschaft in ihren nonverbalen Reaktionen optimal aufeinander eingestimmt
waren.
Diese Interpretation
wird auch durch Auffälligkeiten der in der Untersuchung erhobenen Daten
nahegelegt: Die Trefferquote variierte weder mit der Aufgabenschwierigkeit noch
mit der Aufgabenkategorie (a.a.O., 86f), beides wäre bei Autorschaft der
SchreiberInnen zu erwarten gewesen. Hingegen variierte die Trefferquote mit
der konkreten Situation (a.a.O., 98), was den Verdacht erhärtet, dass deren
Merkmale möglicherweise einen systematischen Einfluss auf die Ratewahrscheinlichkeit
ausgeübt haben (vgl. Bober 2000).
Für die Beurteilung der Validität der FC gibt die Münchner Studie
daher wenig her. Verwertbares Ergebnis dieser Untersuchung ist allerdings, dass
bei der Planung von Maßnahmen Unterstützter Kommunikation darauf
geachtet werden sollte, dass das Setting keine unbewussten Hinweisreize enthält,
die den betroffenen Menschen dazu bringen, die Situation misszuverstehen und
eine ganz andere Fertigkeit zu üben als die, die eigentlich vermittelt
werden soll.
5 Stützersteuerung und Stützillusion
Das Fehlen eines Nachweises für die Wirksamkeit der Methode ist an sich
nicht sonderlich beunruhigend. FC ist sicherlich nicht die einzige Methode Unterstützter
Kommunikation, die in vielen Fällen nicht anschlägt. Die besondere
Problematik bei der Anwendung der FC liegt vielmehr darin, dass die geringe
Wirksamkeit einhergeht mit zwei weiteren Effekten der FC, nämlich mit der
Stützersteuerung und der Stützillusion.
Von Stützersteuerung spricht man, wenn die StützerInnen die AutorInnen
der gestützt produzierten Äußerungen sind. Stützersteuerung
ist immer dann nachweisbar, wenn die SchreiberInnen im Falle einer falschen
Antwort nicht einfach nichts oder Zufallsfolgen von Buchstaben schreiben, sondern
die Antwort geben, die dem Stützer bzw. der Stützerin bekannt ist.
Beispielsweise zeigte Heckler (1994, 539) der Stützerin ein Bild von einem
Baum, woraufhin die Schreiberin "Baum" produzierte, dann zeigte er
der Stützerin ein Bild von einem Haus, woraufhin die Schreiberin "Haus"
produzierte. Tatsächlich hatte die Schreiberin jedoch keine Bilder von
Bäumen oder Häusern gesehen sondern ein Bild von Mickey Maus.
Stützersteuerung ist ein regelmäßig bei der FC zu beobachtendes
Phänomen; es ist in fast allen Untersuchungen, in denen es geprüft
wird, nachzuweisen (vgl. Biermann 1999). Daraus folgt, dass die FC eine Methode
ist, bei der man nicht ohne weiteres merkt, wenn sie nicht funktioniert. Vermeintlich
funktioniert sie, denn durch die Hand der SchreiberInnen entstehen Texte.
Stützersteuerung bewirkt, dass die FC auch bei nicht gegebener Autorschaft
der SchreiberInnen eine hohe Augenscheinvalidität hat, so dass es im Praxisfeld
schwierig zu entscheiden ist, ob die FC die Kommunikation der SchreiberInnen
erweitert, also fortgesetzt werden sollte, oder ob sie das nicht tut, also abgebrochen
werden sollte. Erschwerend kommt hinzu, dass es nach heutigem Erkenntnisstand
nicht möglich ist, aus der Stützerperspektive zu beurteilen, ob die
Bewegungen des Schreibers von ihm selbst kommen, der Stützer also den Impulsen
des Schreibers nachgibt, oder ob umgekehrt diese Bewegungen dem Muster des Stützers
folgen, der Schreiber also den Impulsen des Stützers nachgibt.
Dieses Phänomen trat als Nebenbefund vieler Untersuchungen zur FC auf.
Wieder und wieder stellte sich heraus, dass die StützerInnen weder während
des Stützvorgangs noch nach Abschluss feststellen konnten, welcher Anteil
des Textes auf ihr Konto und welches auf das Konto der SchreiberInnen ging (vgl.
Eberlin/Ibel/Jacobson 1994, Montee/Miltenberger/Wittrock 1995, Moore/Donovan/
Hudson/Dykstra/Lawrence 1993, Siegel 1995). Dies entspricht eigentlich auch
der theoretischen Erwartung, denn die Stützersteuerung ist ein unbewusstes
Phänomen und kann deswegen per definitionem weder durch Selbstkontrolle
noch durch kritische Introspektion der StützerInnen vermieden werden (von
Tetzchner 1996a, 161).
Fast immer schätzten die StützerInnen ihren Anteil am Zustandekommen
der Bewegung als zu niedrig und den der SchreiberInnen als zu hoch ein. Dieser
systematische Fehler bei der Beurteilung des Ausmaßes der real ausgeübten
Kontrolle im Sinne einer massiven Unterschätzung soll, analog zu den bekannten
anderen Wahrnehmungstäuschungen, Stützillusion genannt werden.
1998 wiesen Burgess et al. die Stützillusion experimentell nach.: 40 Versuchspersonen
erhielten per Video eine Stützanleitung und sollten anschließend
eine Schreiberin stützen. Sie wussten nicht, dass die Schreiberin keine
war, sondern eine Mitarbeiterin der Untersucher. Diese Mitarbeiterin wiederum
wusste nicht, welche der verschiedenen fiktiven Informationen über ihre
angeblichen Lebensumstände (Namen der Brüder, Heimatstadt etc.) ihr
jeweiliger Stützer bzw. ihre jeweilige Stützerin vom Untersuchungsleiter
erhalten hatte. Dennoch war sie bei jedem der 40 in der Lage, einen Teil der
ihr unbekannten Informationen niederzutippen (Nachweis von Stützersteuerung).
Nach der Sitzung sollten die StützerInnen beurteilen, inwieweit die Schreiberin
und inwieweit sie selbst die Quelle der gestützten Antworten waren. Die
StützerInnen irrten sich gewaltig, keiner hielt sich allein für die
Quelle der Mitteilung und fast alle hielten den "Autorschaftsanteil"
der Schreiberin für größer als den eigenen (Nachweis der Stützillusion).
Die Hälfte der Stützer war vor dem Experiment über die Möglichkeit
unbewusster Manipulation bei der FC informiert worden, die andere nicht. Das
machte erstaunlicherweise keinen Unterschied hinsichtlich der Ergebnisse. Scheinstützen
("illusory fascilitation", a.a.O., 74), so die Schlussfolgerung der
Autoren, tritt auch dann auf, wenn die Stützer davor gewarnt sind und sie
zu vermeiden trachten. Ob erfahrene Stützer weniger der Stützerillusion
unterliegen als angehende Stützer ist unklar. Da jedoch mit dem Ausmaß
der Stützerfahrung das Ausmaß von Stützersteuerung eher zu steigen
scheint (Bebko et al., 1996), ist die Vermutung, dass erfahrene Stützer
womöglich noch stärker der Stützillusion unterliegen als unerfahrene,
nicht abwegig. Eine experimentelle Klärung dieser Frage steht noch aus.
Die Existenz der Stützillusion führt dazu, dass es für den Stützer
nicht möglich ist, anhand seiner Wahrnehmungen zu entscheiden, ob die gemeinsam
produzierten Äußerungen eher von ihm oder eher vom anderen autorisiert
sind. Of-fensichtlich fühlt sich beides aus der Innenperspektive gleich
an. Dass ist nicht so merkwürdig, wie man auf den ersten Blick meint, denn
die Wahrnehmung von Kausalbeziehungen ist prinzipiell nicht möglich, sie
ist immer eine Konstruktion des Wahrnehmenden auf dem Hintergrund seines Wissens.
6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen für die Praxis
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Gestützte Kommunikation
eine Methode ist, deren Wirksamkeit nur in vergleichsweise wenigen Fällen
wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Außerdem fallen bei einem
Vergleich von FC, wie sie nachweislich gelingt, und von FC, wie sie in Einzelfallberichten
veröffentlicht wird oder in der Zeitung der FC-SchreiberInnen, dem ,Bunten
Vogel', zu lesen ist, große Unterschiede auf. Die unter Testbedingungen
entstandenen gestützt hervorgebrachten Kommunikationen liegen weit unter
dem kognitiven und kommunikativen Niveau, auf dem die Testpersonen unter normalen,
nicht kontrollierten Bedingungen über FC kommunizieren.
In den kontrollierten Untersuchungen wurden zum Beispiel Aufgabenstellungen
verwendet wie die Beantwortung von Fragen durch Zeigen auf Ja/Nein-Karten oder
eine von mehreren Bild/Wort-Karten. Die Wiedergabe eines vorher gesehenen Wortes
mit höchstens sechs Buchstaben gelang in der Studie von Cardinal et al.
(1996) nach mehrwöchiger Übung etwas häufiger, aber bei weitem
nicht immer korrekt. Solche geringen Effekte lassen sich aber auch als ganz
normales Entwicklungsphänomen interpretieren: durch Unterstützung
der Bezugspersonen und die Schaffung förderlicher Bedingungen ist es dem
Kind möglich, Höherleistungen in der Zone der nächsten Entwicklung
zu zeigen, zu denen es selbständig noch nicht in der Lage wäre.
Der Streitpunkt ist jedoch nicht, ob durch unterstützende Maßnahmen
wie Zuspruch, das Verhindern impulsiver Antworten oder durch Handfesthalten
Leistungen im Rahmen der Zone der nächsten Entwicklung abgerufen werden
können. Diese Annahme ist plausibel und nicht besonders aufregend. Was
strittig ist und was die FC-Befürworter zeigen müssten, wären
unerwartete Leistungen, die durch FC abrufbar sind und ungestützt nicht
in Erscheinung treten. Unter kontrollierten Bedingungen ist dies unseres Wissens
aber weltweit erst in zwei Einzelfallstudien gelungen (Weiß et al. 1996;
Marcus et al. 1997), allerdings sind auch diese beiden Untersuchungen nicht
unstrittig.
Wie könnte nun aber für professionelle Helfer ein verantwortlicher
Umgang mit einer weiterhin derart umstrittenen Methode, und so stellt sich die
Gestützte Kommunikation weiterhin dar, aussehen?
Es sollten einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden:
· Wenn möglich, ist die Zustimmung der betroffenen Personen, zumindest
aber die Zustimmung ihrer Sorgeberechtigten bzw. ihres Vormunds einzuholen.
Die Personen, die ihre Zustimmung geben sollen, sollten vorher ausreichende
Informationen über die Gefahren der Methode erhalten (vgl. Bober/Thümmel
1999).
· Beim Stützen selbst sollten von vornherein Aufgabenstellungen
eingebaut werden, aus denen sich ablesen lässt, dass sie nur von den FC-SchreiberInnen
stammen können. Über diese mit großer Sicherheit authentischen
Kommunikationen sollte ein Tagebuch geführt werden.
· Ebenso sollte das Training so angelegt sein, dass von vornherein durch
entsprechende Übungen das Schreiben ohne Stützung vorbereitet wird,
wie es auch von einem Teil der FC-Befürworter praktiziert wird (vgl. vande
Kerckhove 1997).
· Zum Nachweis valider FC sollten Designs der kontrollierten Einzelfallforschung
eingesetzt werden, so kann die Autorschaft der gestützt geschriebenen Botschaften
festgestellt und auch die FC mit der vor dem FC-Einsatz praktizierten Kommunikationsmethode
hinsichtlich ihrer Effektivität verglichen werden (vgl. Biermann 2000).
· Auf keinen Fall darf das Eindrucksurteil der StützerInnen zur
Entscheidung über die Validität der Kommunikation der SchreiberInnen
herangezogen werden; wegen der Stützillusion ist diese Maßnahme ungeeignet.
· Die FC-Botschaften stellen nur einen Teil des gesamten Verhaltens der
FC-NutzerInnen dar. Die gesamten Verhaltensäußerungen haben aber
ihren kommunikativen Gehalt und sollten beobachtet und analysiert werden, um
die wirklichen Kommunikationsabsichten des Individuums herauszufinden, denn
Selbstbestimmung ist eins der höchsten Ziele eines jedes Menschen. Menschen
mit Behinderungen unterliegen vielfachen Einschränkungen hinsichtlich ihrer
Selbstbestimmung. Umso wichtiger ist es, ihre wahren Gedanken, Bedürfnisse
und Absichten zu verstehen, also mit ihnen in wirklicher Kommunikation zu sein.
Die FC-Kontroverse
hat das Problem der Missinterpretation und Fremdzuschreibung von Kommunikationen
bei Menschen mit schweren kommunikativen Beeinträchtigungen in das Bewusstsein
gerufen. Diese Problematik ist jedoch keineswegs auf diese Methode beschränkt,
sondern spielt vor allem beim Einsatz einfacher Kommunikationsmethoden mit geringem
Wortschatz eine große Rolle. Hier werden unterschiedliche Gesprächstechniken
eingesetzt, um sich an die Intentionen des unterstützt Kommunizierenden
heranzutasten und auch ein Vorgehen empfohlen, bei dem die unterschiedlichen
Bezugspersonen ihre unterschiedlichen Interpretationen der kommunikativen Botschaften
und Absichten des unterstützt Kommunizierenden zusammenführen und
in einem gemeinsamen Prozess Interpretationen aufstellen, überprüfen,
modifizieren und schließlich zu einer Entscheidung finden (Groveet et.
al. 1998).
Die Methode der Gestützten
Kommunikation übt eine große Anziehung auf Menschen aus, die mit
geistig behinderten und autistischen Personen arbeiten, denn deren Arbeit ist
vielfach geprägt durch Unsicherheit, Misserfolge, die Abforderung großer
Geduld bei geringen Erfolgserlebnissen und eine unbefriedigende Einseitigkeit
der Kommunikation. Die augenscheinlich schnell zu erreichenden Kommunikationserfolge
der FC führen vermeintlich aus diesem Dilemma heraus. Wir konnten jedoch
zeigen, dass die Gefahr, den Anwendern Äußerungen zuzuschreiben,
die sie nicht intendiert haben, extrem hoch ist. Solange die Authentizität
der gestützten Kommunikationen einer Person in Frage steht, plädieren
wir dafür, neben der FC-Anwendung im breiten Spektrum der Methoden Unterstützter
Kommunikation nach Kommunikationswegen zu suchen, bei denen sich selbständige
Äußerungen der Betroffenen eher anbahnen lassen, auch wenn dies oft
ein mühsamer Weg mit wenig spektakulären Erfolgen sein wird.
Literatur
Attwood, T. (1993): Bewegungsstörungen und Autismus: eine logische Begründung
für den Gebrauch der Gestützten Kommunikation" (Facilitated Communication).
Autismus 35, 9-12.
Bebko, J./Perry, A./Bryson, S. (1996): Multiple Method Validation Study of Facilitated
Communication: II. Individual Differences and Subgroup Results. Journal of Autism
and Developmental Disorders 26, 19-41.
Biermann, A. (2000): Gestützte Kommunikation: Ein Konzept zur Überprüfung
der Authentizität und der Effektivität einer umstrittenen Kommunikationsmethode.
Sonderpädagogik, 30(1), 4-15.
Biermann, A. (1999): Gestützte Kommunikation im Widerstreit. Empirische
Analyse eines umstrittenen Ansatzes. Berlin.
Biklen, D. (1992):Autism Orthodoxy versus Free Speech: A reply to Cummins and
Prior. Harvard Educational Review 62 (2), 242-255.
Biklen, D. (1993): Communication unbound. How facilitated communication is challenging
traditional views of autism and ability/disability. New York.
Biklen, D. (1996): Learning from the Experiences of People With Disabilities.
American Psychologist. September 1996, 985-986.
Biklen, D. (2000): Das soziale
Konstrukt der geistigen Behinderung: Erkenntnisse aus der Forschung zur Gestützten
Kommunikation und zur Integration. In: Bundschuh, K. (Hrsg.): Wahrnehmen, Verstehen,
Handeln. Perspektiven für die Sonder- und Heilpädagogik im 21.Jahrhundert.
Bad Heilbrunn, 37-58.
Biklen, D./Morton, M./Gold, D./Berrigan, C./Swaminathan, S. (1992): Facilitated
Communication: Implications for People with Autism and Other Developmental Disabilities.
Topics in Language Disorders. 12 (4), 1-28.
Biklen D./Duchan, J. (1994): "I am Intelligent": The Social Construction
of Mental Retardation. Journal of the Association for Persons with Severe Handicaps.
19 (3), 173-184.
Biklen, D. (1997): The Multiple Meanings of Independence: Perspectives from
Facilitated Communication. In: Biklen, D./Cardinal, D. (Hrsg.): Contested Words,
Contested Science. Unravelling the Facilitated Communication Controversy. New
York 1997, 157-208.
Bligh, S./Kupperman, Ph. (1993): Facilitated communication evaluation procedure
accepted in a court case. Journal of Autism and Developmental Disorders, 23
(3), 553-557.
Bober, A. (2000): Bericht über die Münchner Studie zur Gestützten
Kommunikation - Kritische Rezension des Abschlussberichts. Heilpädagogische
Forschung 26 (4), 213-219.
Bober, A./Thümmel I. (1999): Es kann doch zumindest nicht schaden? Risiken
beim Einsatz von Gestützter Kommunikation. Die Neue Sonderschule 44, 434-452.
Bradshaw, J.L. (2001): Developmental disorders of the frontostriatal system.
Hove.
Bundesverband "Hilfe für das autistische Kind" Arbeitsgemeinschaft
FC der Regionalverbände (1999): Empfehlungen für den Umgang mit der
Methode der gestützten Kommunikation (Facilitated Communication=FC).
Bundschuh, K. (1998): Facilitated Communication bei Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen
als Herausforderung und Aufgabe für die Sonder- und Heilpädagogik.
Zeitschrift für Heilpädagogik 49 (8), 358-364.
Bundschuh, K./Basler-Eggen, A. (2000): Gestützte Kommunikation (FC) bei
Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen. München: Baye-risches
Staatsministerium für Arbeit, und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit.
Burgess, Ch.A./Kirsch, I./Shane, H./Niederauer, K.L./Graham, St.M./Bacon, A.
(1998): Facilitated Communication as an ideomotor response. Psychological Science,
9 (1), 71-74.
BUNTER VOGEL Zeitschrift für gestützte Kommunikation, Berlin.
Calculator, St. (1999): Look Who's Pointing Now: Cautions Related to the Clinical
Use of Facilitated Communication. Language, Speech and Hearing Services in Schools
30, 408-414.
Cardinal, D.,/Hanson, D./Wakeham, J. (1996): Investigation of Authorship in
Facilitated Communication. Mental Retardation. 34 (4), 231-242.
Donellan, A.M./Sabin, L.A./Majure, M.A. (1992): Facilitated Communication: Beyond
the quandary to the questions. Topics in language disorders 12, 69-82.
Eberlin, M./Ibel, St./Jacobson, J.W. (1994): The source of message produced
during facilitated communication with a boy with autism and severe mental retardation:
A case study. Journal of Pediatric Psychology, 19 (6), 657-671.
Eichel, E. (20012): Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer
Störung. Bochum.
Facilitated Communication Institute (2000): Facilitated Communication Digest.
Special Issue: Training Standards. 8 (4). Zitiert nach: http://www.soeweb.syr.edu/
thefci/8-4toc.htm.
Frith, U.(1992): Autismus. Ein kognitionspsychologisches Puzzle. Heidelberg.
Green, G./Shane, H. (1994): Science, Reason and Facilitated Communication. In:
Journal of the Association for Persons with Severe Handicaps, 19, 151-172.
Grove, N./Bunning, K./Porter, J./Olsson, C.(1999): See What I Mean: Interpreting
the Meaning of Communication by People with Severe and Profound Intellectual
Disabilities. Journal of Applied Research in Intellectual Disabilities. 12 (3),
190-203.
Heckler, St. (1994): Facilitated communication: A response by child protection.
Child abuse and neglect, 18 (6), 495-503.
Hildebrand-Nilshon, M./Ciuni, C. (1998): Vorstudie zur Evaluation der Gestützten
Kommunikation (FC) an der 7. Förderschule für Geistigbehinderte in
Cottbus. FU Berlin: unveröff. Abschlussbericht.
Jüster, M. (2000): Erfahrungen mit Gestützter Kommunikation in Wohneinrichtungen.
Unterstützte Kommunikation, Heft 1/2, 21-24.
Kerckhove, L. vande (1997): Ausblendung der Stütze. In: Bundesverband "Hilfe
für das Autistische Kind" (Hrsg.): Gestützte Kommunikation (FC)
- Erfahrun-gen, Projekte, Forschungsvorhaben. 4. Überregionale Tagung in
München. München.
Klicpera, Ch./Innerhofer,
P. (1999): Die Welt des frühkindlichen Autismus. München (2. Aufl.).
Marcus, E./Shevin, M. (1997): Sorting it out under fire: Our journey. In: Douglas
Biklen/Donald N. Cardinal, D.N. (Hrsg.): Contested words, contested science:
unraveling the facilitated communication controversy. New York 115-134.
Mitchell, P. (1997): Introduction to Theory of Mind. Children, Autism and Apes.
London.
Montee, B./Miltenberger, R.G./Wittrock, D. (1995): An experimental analysis
of facilitated communication. Journal of Applied Behavior Analysis, 28 (2),
189-200.
Moore, S./Donovan, B./Hudson, A./Dykstra, J./Lawrence, J. (1993): Brief report:
Evaluation of eight case studies of facilitated communication. Journal of Autism
and Developmental Disorders, 23 (3), 531-539.
Nagy, Ch. (1998): Einführung in die Methode der gestützten Kommunikation
(Facilitated Communication - FC). München 1998.
Nußbeck, S. (2000): Gestützte Kommunikation: ein Ausdrucksmittel
für Menschen mit geistiger Behinderung? Göttingen.
Oesterreich, R./Schirmer, B. (2000): Schwierigkeiten von Menschen mit autistischer
Behinderung beim alltäglichen Handeln aus der Sicht eines handlungstheoretischen
Modells. Heilpädagogische Forschung 26(4), 199-212.
Rimland, B. (1994): Editor's Comments. Autism Research Review International.
8(2), 2.
Rohde (19992): Ich Igelkind. Botschaften aus einer autistischen Welt. München.
Schirmer, B. (2000): "...sie haben demnach lediglich ein Outputproblem"
(Bober/Thümmel 1999) - Haben Menschen mit autistischer Behinderung Probleme
beim Handeln? Die Neue Sonderschule 45 (2), 126-130.
Siegel, B. (1995): Brief report: Assessing allegations of sexual molestation
made through facilitated communication. Journal of Autism and Developmental
Disorders, 25 (3), 319-326.
Simon, E.W./Whitehair, P.M./Toll, D.M. (1996): A case study: Followup assessment
of facilitated communication. Journal of Autism and Developmental Disorders,
26 (1), 9-18.
Spitzer, M. (2000): Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und Handeln.
Heidelberg.
Tetzchner, St. von (1996): Facilitated, automatic and false communication: Current
issues in the use of facilitating techniques. European Journal of Special Needs
Education, 11 (2), 151-166.
Thümmel, I./Bober, A. (2000): Weiterführende Perspektiven in der Diskussion
um die Gestützte Kommunikation. Zeitschrift für Heilpädagogik.
51(12), 504-513.
Twachtman-Cullen (1997): A Passion to Believe. Autism and the Facilitated Communication
Phenomen. Colorado.
Weiss, M.J.S./Wagner, Sh.H./Baumann, M.L. (1996): A validated case study of
facilitated communication. Mental Retardation, 34 (4), 220-230.
Zöller, M. (1997): Handlungsstörungen und FC. In: hilfe für das
autistische kind Regionalverband München: Gestützte Kommunikation
(FC) - Erfahrungen, Projekte, Forschungsvorhaben. Tagungsband der 4. Überregionalen
Tagung in München, 7-19.
Einsatz von Gestützter Kommunikation (FC) in Klassen für autistische und geistigbehinderte Schüler Andrea Basler-Eggen
In der Schule zur individuellen Lebensbewältigung werden immer wieder auch autistische und geistigbehinderte Schüler unterrichtet, die sich verbal nicht hinreichend verständlich machen können. Neben der lautsprachorientierten Sprachtherapie können hier auch Methoden der Unterstützten Kommunikation zur Förderung der kommunikativen Fähigkeiten dieser Kinder zur Anwendung kommen. Eine dieser Methoden ist die sogenannte Gestützte Kommunikation (englisch: "Facilitated Communication", abgekürzt FC), deren Anwendungsbereich in der Schule in dem vorliegenden Beitrag dargestellt wird. Bei der Gestützten Kommunikation handelt es sich um eine Kommunikationsmethode aus dem Spektrum der Unterstützten Kommunikation. FC ermöglicht es manchen Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen, die - ähnlich einer Dyspraxie - Schwierigkeiten mit gezielten Zeigebewegungen haben, sich durch das Deuten auf Objekte, Fotos, Symbole, Wörter und/oder Buchstaben mitzuteilen (Bundschuh/Basler-Eggen 2000, 24). Hier wird schon deutlich, dass Gestützte Kommunikation keinesfalls nur eine Möglichkeit für Personen darstellt, welche die Schriftsprache beherrschen. Bei FC gibt ein Kom-munikationspartner in individuell unterschiedlichem Grad physische, verbale und emotionale Hilfestellung, so dass neuromotorische Probleme des Anwenders zumindest temporär überwunden werden (Crossley 1997, 22). Dabei wird an einer sukzessiven Reduktion der stützenden Hilfestellung, d.h. an einem Ausblenden der Stütze, gearbeitet. Gestützte Kommunikation ist somit eine Kommunikationsmethode mit Rehabilitationscharakter. Eine individuelle Kombination von FC mit anderen Methoden aus dem Bereich der Unterstützten Kommunikation (z.B. Gebärden, ungestütztes Zeigen auf weit auseinanderliegende Objekte oder Bildkarten) ist im Sinne des multimodalen Ansatzes der Unterstützten Kommunikation sinnvoll (Braun 1994, 17). Die mehr als zehnjährige Erfahrung mit der Methode FC in der Praxis zeigt, dass Gestützte Kommunikation auch für manche Schülerinnen und Schüler der Schule zur individuellen Lebensbewältigung - z.B. Kinder und Jugendliche mit Autismus, Down-Syndrom, Rett-Syndrom und geistiger Behinderung unklarer Genese - eine Kommunikationsmöglichkeit darstellen kann (vgl. Bundschuh/ Basler-Eggen 2000, 63). Zeitgleich mit der Ausbreitung der Gestützten Kommunikation begann eine kontroverse Diskussion um die Methode, auf die in diesem Beitrag jedoch nicht eingegangen wird (siehe hierzu Biermann 2000; Bundschuh/Basler-Eggen 2000, 65 ff; Nußbeck 2000).
Anwendung von FC in
der Schule
Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten
von FC in der Schule möchte ich anhand der momentanen Situation in einer meiner
Klassen an einer Schule zur indivi-duellen Lebensbewältigung beschreiben. Grundsätzlich
unterscheiden sich die Arbeit mit Kommunikationstafeln und die verwendeten Materialien
nicht von der hinlänglich bekannten (ungestützten) Anwendung in der Unterstützten
Kommunikation. Lediglich die Ansteuerung erfolgt mit der für FC typischen "Stütze"
(vgl. Eichel 1994, 61).
In diesem Schuljahr sind zwei nichtsprechende Kinder, welche Gestützte Kommunikation
verwenden, in meiner Mittelstufeklasse. Die Klasse wird von acht weiteren Kindern
mit geistiger Behinderung besucht. Neben mir sind eine Kinderpflegerin, ein
Schulbegleiter für Jessica sowie mehrere Fachlehrerinnen in der Klasse tätig.
Obwohl die beiden nichtsprechenden Kinder hinsichtlich ihrer kognitiven, sozialemotionalen
und auch lebenspraktischen Fähigkeiten sehr unterschiedlich sind, haben beide
eine Gemeinsamkeit: Die stützende Hilfestellung hilft ihnen gezielt zu zeigen,
sich dadurch mitzuteilen und schu-lisch zu arbeiten.
Daniel, ein Junge mit der Diagnose Down Syndrom, ist ebenso wie Jessica, ein
Mädchen mit frühkindlichem Autismus, zehn Jahre alt. Während sich Jessica oft
und gerne mit Büchern beschäftigt und sinnentnehmend lesen kann, beherrscht
Daniel lediglich die in der Klasse erarbeiteten Buchstaben sowie einige, häufig
geübte Ganzwörter. Daher werden für Daniels Zeigetafeln und Unterrichtsmaterialien
vorwiegend Fotos und Bildsymbole (Löb-Symbole und PCS) verwendet. Jessica benutzt
neben einer Buchstabentafel, einer Zahlentafel für den Mathematikunterricht
und den diversen Situationstafeln mit Schrift (siehe Abbildung 3), ein elektronisches
Kommunikationsgerät mit synthetischer Sprachausgabe sowie für bestimmte Aufgaben
einen PC mit Abdeckplatte. Während Jessica nur eine physische Stütze am Ellenbogen,
phasenweise auch nur am Oberarm, zum Zeigen benötigt, wird David mit viel Gegendruck
am Handgelenk und Unterarm gestützt. Den Zeigefinger können beide Kinder mittlerweile
- nach entsprechenden Übungen im Unterricht, zuhause und in der Ergotherapie
- selbständig isolieren. Wichtig ist für beide Schüler eine individuell optimale
Sitzposition sowie eine stabile Positionierung des jeweiligen Zeigeobjektes.
Neben FC kommuniziert Jessica vor allem durch das Führen von Personen zu gewünschten
Objekten, während Daniel drei Gebärden ("ja", "nein", "Toilette") relativ sicher
verwendet. Beide Kinder werden auch logopädisch betreut, wobei der lautsprachorientierte
Ansatz bislang nur sehr geringen Erfolg gezeigt hat. In der Schule findet das
gestützte Zeigen bereits morgens statt, wenn die nichtsprechenden Kinder in
die Klasse kommen.
Der autistischen Jessica ist es wichtig, ihrem Schulbegleiter zuerst gestützt
den Ablauf des Stundenplanes des jeweiligen Tages zu zeigen. Daniel teilt mir
dagegen häufig morgens auf einer Bildsymboltafel mit, wie es ihm geht. Wenn
ihn andere Kinder im Bus geärgert haben, zeigt er beispielsweise gestützt auf
sein Symbol für "wütend".
Freiarbeit
In meiner Klasse beginnt jeder Tag für alle Schüler mit einer (gelenkten) Frei-arbeitsphase
von etwa 20 Minuten. Die beiden FC-Anwender zeigen dabei zunächst gestützt auf
einer entsprechenden Auswahltafel (siehe Abb. 2 und 3) in welchem Bereich -
Lesen, Schreiben, Rechnen oder Sachkunde sie arbeiten möchten. Daniel verwendet
hierzu eine Tafel mit Bildsymbolen(Abb.
3). Danach wählen sie ebenfalls gestützt auf die entsprechenden Materialien
zeigend - an den jeweiligen Regalen das gewünschte Arbeitsmaterial aus.
|
Montag
|
Dienstag
|
Mittwoch
|
|
Donnerstag
|
Freitag
|
|
|
Ja
|
Ich
weiss nicht
|
Nein
|
Abb. 1: Situationstafel für den Morgenkreis
|
Lesen
|
Schreiben
|
Rechnen
|
Sachkunde
|
|
Ja
|
Ich
weiss nicht
|
Nein
|
|
Abb. 2: Tafel von Jessica
![]() |
![]() |
1
2 3
+ - |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
|
1 2 3 + - Abb. 3: Tafel von Daniel
Morgenkreis
Nach der Freiarbeitsphase läutet eine Glocke den Morgenkreis ein. Nach einem
Begrüßungsspiel wählen die Schüler Morgenlieder aus. Die FC-Anwender zeigen
auf einer "Liedertafel" das gewünschte Lied. Bei Bewegungsliedern können die
beiden anhand entsprechender Tafeln mit den Abbildungen möglicher Aktivitäten
(z.B. Klatschen, Stampfen) die Bewegungen bestimmen. Anhand einer Tafel mit
Fotos aller Kinder wählen sie andere Kinder aus. Auf einer "Datumstafel" (z.B.
Abb. 1) zeigen Daniel und Jessica das Tagesdatum, wärend andere Schüler das
Datum sprechen, anschreiben und anhand von Wortkarten an die Tafel heften. Mit
einer Stundenplantafel zeigen die beiden sodann den Tagesablauf, wobei ein anderer
Schüler die gezeigten Fächer laut mitspricht.
Auswahlsituationen
Im Verlauf eines Schultages finden sich etliche, täglich oder zumindest mehrmals
wöchentlich, wiederkehrende Rituale. Beispiele hierfür sind das wöchentliche
"Liederwunschkonzert" und die Auswahl der wöchentlichen Klassendienste anhand
entsprechender Zeigetafeln. Eine klassische Auswahlsituation ist auch die vormittägliche
Brotzeit. Hier zeigen die Kinder gestützt direkt auf die gewünschten Getränke
bzw. den gewählten Brotaufstrich. Die Instrumententafel im Musikunterricht,
eine Tafel mit den bekannten Spielen für die Freispielphase und die Tafel mit
den wöchentlichen Klassendiensten sind weitere Beispiele für die Verwendung
von Thementafeln in den verschiedenen Unterrichtsfächern.
Klassenunterricht
Auch im Unterricht bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für das gestützte Zeigen.
So ist der Einsatz von FC beim Unterrichtsgespräch, bei der Erarbeitung von
Inhalten sowie in Übungs- und Sicherungsphasen denkbar. Einige Beispiele aus
dem Schulalltag sollen dies veranschaulichen: Für den Mathematikunterricht verwende
ich Zahlentafeln, auf denen die Aufgaben und Lösungen von den Kindern gezeigt
werden können. Im Sachkundeunterricht biete ich nach einer Erarbeitungsphase
Arbeitsblätter zur Sicherung an, auf denen je nach individuellen Fähigkeiten
mehrere Lösungsalternativen in Bild- oder Schriftform abgebildet sind ("multiplechoice").
Während die anderen Schüler die richtige Lösung anmalen, umkreisen oder unterstreichen,
lasse ich mir von den FC-Anwendern die Antworten gestützt zeigen. Bei einigen
Schülern ist auch das gestützte Arbeiten mit einem großformatigen Taschenrechner
möglich. Für den Lernbereich Ästhetische Erziehung habe ich beispielsweise eine
Materialtafel mit Fotos und Schrift angefertigt, anhand derer Jessica und Daniel
in der Erarbeitungsphase die für das jeweilige Vorhaben notwendigen Arbeitsmaterialien
zeigen können. Während die sprechenden Kinder sodann die Arbeitsschritte anhand
der Bilder an der Tafel mündlich wiederholen, bekommen die beiden FC-Anwender
Arbeitsblätter mit den verkleinerten Bildern in falscher Reihenfolge. Darauf
sollen die beiden dann den richtigen Ablauf der Schritte gestützt zeigen.
Auch in anderen Entscheidungssituationen (z.B. Partnerwahl für die Gruppenarbeit,
Auswahl von Stiften) und zur Klärung von Konflikten ("Störungen haben Vorrang")
kann FC im Unterricht eingesetzt werden. Ein generelles Problem ist - wie in
vielen anderen Förderbereichen auch - der mit den Stützen verbundene Zeitaufwand.
So ist es häufig nicht möglich, die FC-Anwender so in den Unterricht einzubinden,
wie es wünschenswert und bei mehr Personal auch möglich wäre. Grundsätzlich
kann man aber festhalten, dass eine entsprechende Vorstrukturierung und Aufbereitung
der Arbeitsmaterialien im Hinblick auf eine Verwendung des gestützten Zeigens
eine enorme Verbesserung der Handlungs- und Teilnahmemöglichkeiten einiger Schüler
bewirkt.
Einzelförderung
Die Anbahnung von FC ist im Klassenunterricht nur schwer möglich, so dass dies
besser im Rahmen von Einzelförderung geschehen sollte. Auf didaktisch-methodische
Vorgehensweisen kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, umfängliche
Informationen zur Anbahnung von FC finden sich in der einschlägigen Literatur
(Eichel 1994, 66; Nagy 1998, 20; Bundschuh/Basler-Eggen 2000, 191). Gut geeignet
für das gestützte Arbeiten in der Einzelsituation sind neben vielen im Handel
erhältlichen und auch selbsthergestellten Freiarbeitsmaterialien (z.B. Rechendomino,
Wörterlotto, LÜK-Material, Klammerkarten u.a.) auch Computerlernprogramme, die
mit der Tastatur bearbeitet werden können (z.B. Bedienung über die Cursortasten
bei den bekannten Budenberg-Programmen). Für die Arbeit am PC sind je nach FC-Anwender
oft noch zusätzliche Hilfen erforderlich (z.B. Aktivierung der Tastaturverzögerung,
Verwendung einer Abdeckplatte und/oder Großfeldtastatur, Spezialtastatur). Ein
wichtiger Aspekt bei der Einzelförderung von nichtsprechenden Kindern und Jugendlichen
ist auch das Aufspüren bzw. Entwickeln von Interessen. Zentrale Bedeutung kommt
- wie bei allen Schülern - auch der Vertiefung bzw. Nacharbeit von Unterrichtsinhalten
aus dem Klassenunterricht zu. Einen weiteren Schwerpunkt bei der Einzelförderung
ist die Verbesserung der Stütztechnik im Hinblick auf eine Reduzierung der physischen
Stütze und die Förderung der kommunikativen Kompetenzen (z.B. Mitteilen von
Ablehnung, Äußern von Bedürfnissen, Ängsten und Interessen, Berichten von Erlebnissen).
Auch das Erproben von elektronischen Kommunikationsgeräten findet häufig im
Rahmen der Einzelförderung statt.
Spiele
Differenzierungsstunden können häufig zum gestützten Spielen mit den Schülern
genutzt werden, wobei hier nicht zuletzt die Integration der FC-Anwender in
die Gruppe einen wichtigen Aspekt darstellt. Viele im Handel erhältliche Brett,
Quiz- und Kartenspiele eignen sich hervorragend für den "gestützten Einsatz".
Verwendet man einen Kartenständer, sind auch Kartenspiele wie z.B. Uno oder
Quartett möglich, bei denen die FC-Anwender gestützt auf die gewünschten Karten
zeigen. Für viele Schüler sind auch Computerspiele (z.B. Memory), die über die
Cursortasten bedient werden können, sehr motivierend.
Integrativ-kooperative
Maßnahmen
Auf die Thematik der integrativen Beschulung von Schülern der Schule zur individuellen
Lebensbewältigung in Regelschulen detailliert einzugehen, würde den Rahmen dieses
Beitrages sprengen. Zu erwähnen ist lediglich, dass sich seit der Verwendung
von Gestützter Kommunikation für einige unserer Schüler Möglichkeiten zur Teilnahme
am Unterricht der Regelschule eröffnet haben. Mit Hilfe der Stütze konnten einige
Kinder und Jugendliche zeigen, dass sie über zuvor von uns nicht erkannte Fähigkeiten
und Interessen verfügen und den Wunsch nach einem entsprechenden Lernangebot
äußern. Begleitet von Stützpersonen besucht eine zunehmende Anzahl von FC-Anwendern
stundenweise oder sogar tageweise Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen und
Gymnasien (Basler-Eggen 2000, 52; Bundschuh/Basler-Eggen 2000, 173). Auch an
der Schule, an der ich tätig bin, gehen in diesem Schuljahr vier Schüler mit
autistischen Verhaltensweisen regelmäßig in eine Regelschule. So begleite ich
beispielsweise einen 16jährigen Werkstufenschüler drei Stunden in der Woche
in eine Hauptschule, wo er mit großem Interesse am Deutsch- und Englischunterricht
einer achten Klasse teilnimmt. Die Erfahrungen, die mit solchen Formen der Beschulung
von FC-Anwendern gemacht wurden, sind im Einzelfall sehr unterschiedlich, so
dass gegenwärtig keine weitergehenden Aussagen möglich sind. Nach der Darstellung
verschiedener Einsatzmöglichkeiten von FC im Rahmen der Schule soll nun abschließend
noch beispielhaft beschrieben werden, wie in der Praxis mit der Methode der
Gestützten Kommunikation gearbeitet wird.
FC an der Otto-Steiner-Schule
in München
Die Otto-Steiner-Schule, eine Einrichtung zur individuellen Lebensbewältigung
im Münchner Norden, wird zur Zeit von 198 Schülerinnen und Schülern besucht.
13 dieser Kinder und Jugendlichen haben die Diagnose frühkindlicher Autismus,
weitere 16 Schüler weisen starke autistische Züge auf. Seit 1992 wird an der
Schule mit der Methode der Gestützten Kommunikation gearbeitet, wobei gegenwärtig
23 Schülerinnen und Schüler auf teilweise sehr unterschiedlichem Niveau (Fotos,
Symbole und/oder Schrift) gestützt kommunizieren. Weitere 21 Kinder und Jugendliche
arbeiten ausschließlich mit anderen Methoden der Unterstützten Kommunikation
(Stand: Schuljahr 1999/2000). Da nach einigen Jahren der Arbeit mit FC die Mitarbeiter
teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Handhabung der Methode
der Gestützten Kommunikation entwickelt hatten, wurde vor nunmehr fünf Jahren
ein sogenanntes "FC-Team" mit Teilnehmern aus Schule, Fachdienst und Tagesstätte
gebildet. Ziel dieses Teams ist es, die Aktivitäten im Bereich FC stärker zu
vernetzen und im Sinne der Schüler zu einem einheitlicheren Vorgehen insbesondere
im Hinblick auf die Anbahnung und Anwendung der Technik zu kommen. In diesem
Gremium sind die folgenden Vorgehensweisen im Hinblick auf die Anbahnung und
Anwendung von FC entstanden, die selbstverständlich immer wieder aktualisiert
werden.
1. Anbahnung und Anwendung bei Schulanfängern
· Beobachtung eventueller FC-Kandidaten seitens der Schule und Tagesstätte
· Abstimmung von Schule und Tagesstätte, ob FC angebahnt werden soll oder nicht
· Informationen über FC am ersten Elternabend
· Benennen der anbahnenden Mitarbeiter und des geplanten, zeitlichen Ablaufes
· Klärung, wo FC angewendet werden soll (Schule, Tagesstätte und/oder Elternhaus)
· Möglichst zeitgleicher Beginn mehrerer Stützpersonen, mindestens jedoch zwei
Stützpersonen von Anfang an
· Kontinuität sollte gewährleistet sein
2. Quereinsteiger
· Informationsgespräch mit den Eltern
· Wenn Schüler/in bereits FC anwendet: Klärung, in welchem Bereich FC angewendet
werden kann (Schule, Tagesstätte, Elternhaus oder Stützer außerhalb der eigenen
Klasse/Gruppe)
· Wenn FC noch nicht angewendet wurde: Siehe Punkt 1
· Alle Anbahnungen sollten mit den beiden FC-Vertretern der Einrichtung abgesprochen
werden. Für die Erfassung von FC-Anwendern stehen Formulare zur Verfügung
3. Kriterien für die Anbahnung FC sollte nur angebahnt werden, wenn
· dem/der Schüler/in die Sprache als Kommunikationsmittel nicht zur Verfügung
steht
· der/die Schüler/in die Sprache nicht sinnvoll anwenden kann
· für den/die Schüler/in eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität zu erwarten
ist 4. Keine Anbahnung oder Anwendung von FC
· ohne Einverständnis der Eltern oder bei Eltern mit ablehnender Haltung
· wenn Schul- und Tagesstättenteam geschlossen dagegen stimmt 5. Zu beachten
ist:
· Weitergabe des Inhalts von FC-Kommunikationen nur mit Einverständnis des FC-Anwenders
· Von Anfang an das Ausblenden mit einplanen und daran arbeiten
· Stützanfänger sollten vor der Arbeit mit FC an einem Seminar teilnehmen
· Möglichkeit für Stützpersonen zum Austausch und zur Begleitung schaffen
· Kein/e Mitarbeiter/in kann verpflichtet werden mit FC zu arbeiten Neben einer
regelmäßigen Überarbeitung und Aktualisierung der oben genannten Empfehlungen
für die Arbeit mit FC bietet das FC-Team Raum für Fallbesprechungen und fachliche
Diskussionen rund um die Thematik Gestützte Kommunikation. Nicht zuletzt stellt
das Team auch ein Forum für Materialvorstellungen und für den Austausch von
Ideen und Materialien für die Arbeit mit FC dar und hat sich meines Erachtens
trotz organisatorischer Schwierigkeiten sehr bewährt.
Fazit
Neben anderen Methoden aus dem Spektrum der Unterstützten Kommunikation stellt
FC für einige schwer kommunikationsbeeinträchtigten Schülerinnen und Schüler
eine wichtige Kommunikationsmöglichkeit im Schulalltag dar. Das gestützte Zeigen
wird in vielfältiger Weise im Unterricht, in der Einzelförde-rung, in der Therapie
und auch im Bereich der Tagesstätte eingesetzt. Selbstverständlich ist die Methode
FC nicht für alle Schüler mit kommunikativen Beeinträchtigungen die geeignete
Kommunikationsform. Zudem ist eine individuelle Kombination mit anderen Methoden
der Unterstützten Kommunikation und mit lautsprachorientierter Therapie im Sinne
einer ganzheitlichen, multimodalen Förderung der kommunikativen Kompetenzen
des Einzelnen wichtig. Ferner scheint es sinnvoll zu sein, dass an Schulen bzw.
Einrichtungen, an denen FC eingesetzt wird, im Team vorab Überlegungen zur Handhabung
der Gestützten Kommunikation angestellt und in Form von Empfehlungen zum Umgang
mit der Methode FC allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugänglich gemacht
werden.
Zusammenfassend stellen die Möglichkeiten der Gestützten Kommunikation für mich
in meiner Arbeit als Sonderschullehrerin und Sprachtherapeutin eine ganz wesentliche
Bereicherung dar, auf der anderen Seite ergeben sich durch den Einsatz dieser
Methode aber auch neue Herausforderungen und Probleme insbesondere im Hinblick
auf den erhöhten Personalbedarf und die zunehmend unklareren Zukunftsperspektiven
meiner Schüler.
Literatur
Basler-Eggen, A.: Gestützte Kommunikation - Erfahrungen aus der Schulpraxis.
In: Kaminski, M./Rumpler, F./Stoellger, N. (Hg.): Pädagogische Förderung von
Kindern und Jugendlichen mit Autismus. Würzburg 2000, 50-53.
Bundschuh, K./Basler-Eggen, A.: Gestützte Kommunikation (FC) - eine Kommunikationsform
für Kinder und Jugendliche mit Autismus. In: Schor, B./ Schweig-gert, A. (Hg.):
Autismus ein häufig verkanntes Problem. Donauwörth 1999.
Bundschuh, K./Basler-Eggen, A.: Abschlussbericht zur Studie "Facilitated Communication
bei Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen." München 2000.
Biermann, A.: Gestützte Kommunikation im Widerstreit. Berlin 1999.
Braun, U.: Unterstützte Kommunikation. Düsseldorf 1994.
Crossley, R.: Gestützte Kommunikation - Ein Trainingsprogramm. Weinheim 1997.
Eichel, E.: Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer Störung. Dortmund
1996.
Kristen, U.: Praxis Unterstützte Kommunikation. Eine Einführung. Düsseldorf
1994.
Nagy, C.: Einführung in die Methode der Gestützten Kommunikation. München 19982.
Nagy, C.: Leben mit unserem autistischen Schulkind. In: Zusammen: Behinderte
und nichtbehinderte Menschen, Nr.2, 15. Jg., 1995, 22-23. Nußbeck, S.: Gestützte
Kommunikation - ein Ausdrucksmittel für Menschen mit geistiger Behinderung?
Göttingen 2000.